Besondere Menschen aus Bosnien: Budo, ein Leben zwischen Flucht, Stil und Unternehmertum
Besondere Menschen aus Bosnien: Budo, ein Leben zwischen Flucht, Stil und Unternehmertum
Einleitung und Hintergrund
In unregelmäßigen Abständen erzählen wir hier auf bosnien.pro die Geschichte von besonderen Menschen aus Bosnien. Und mit besonders meine ich nicht nur weltbekannte Namen wie Edin Džeko oder historische Figuren wie Gavrilo Princip (Held oder Terrorist?), die ganze Kapitel der Geschichte geprägt haben. Es geht um Menschen, die meinen Lebensweg gekreuzt haben. Menschen, die Spuren hinterlassen. Bosnier, die unterwegs sind, oft leise, oft unbeachtet, aber mit Haltung, Charakter und Substanz. Botschafter im besten Sinne.
Vor Kurzem habe ich von Goran und seinem 50. Geburtstag erzählt. Heute ist Budo dran. Ein großartiger Typ. Viel Aura, Ausstrahlung und dieser seltene Charme, der nicht laut sein muss, um den Raum zu füllen.
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| Budo beim Erdbeerpflücken. Ein Moment der Ruhe. Bodenständigkeit, die zu seinem Lebensweg passt. |
Ich kenne Budo seit einer Ewigkeit. Damals, als ich meine Designerläden hatte. VIGGIANI CLASSICO in der Kaiserpassage und VIA ROMA in der Waldstraße. Budo war Stammkunde. Einer dieser Menschen, die aussehen, als wären sie direkt aus der Vogue gefallen. Egal ob Armani, Valentino oder Versace. Er trug diese Stücke mit einer Lässigkeit, die jeden anderen Mann im Raum plötzlich unsichtbar wirken ließ.
Mit der Zeit haben wir uns etwas aus den Augen verloren. Und doch kreuzen sich unsere Wege immer wieder. Heute ist Budo ein sehr angesehener und erfolgreicher Unternehmer. Seine Geschichte ist eine dieser stillen, kraftvollen Erzählungen über Bosnier in Deutschland, die viel über unsere gemeinsame Vergangenheit und Gegenwart sagt.
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| Am Fluss Una. Foto: Budo |
Ein Bosnier, viele Wege: Herkunft und Flucht
„Budo, wo kommst du her?“, frage ich ihn eines Tages.
„Aus Bosnien.“
„Ja, das weiß ich. Aber wo genau?“
„Novi Grad. Nordwesten. Etwa 90 Kilometer unter Zagreb. Am Fluss Una.“
Novi Grad. Allein der Name trägt schon Bilder in sich. Grenzregion, Flusslandschaft, Geschichte. Ich frage weiter, fast schon vorsichtig.
„Warum bist du nach Deutschland? Ich vermute wegen des Krieges.“
„Ja genau“, sagt Budo ruhig. „Ich bin damals geflüchtet. Ich wollte nicht zur Armee.“
In diesem Moment wird mir wieder bewusst, wie gut wir es heute haben. Was das für Zeiten waren. Mutter und Vater verlassen, um nicht in den Krieg ziehen zu müssen. Ein Krieg, dessen Einschusslöcher ich vor wenigen Monaten selbst noch in Sarajevo an den Hauswänden gesehen habe. Narben aus Beton.
„Ich bin alleine geflohen“, sagt Budo. „Meine ganze Familie ist dort geblieben.“
Ankommen in Deutschland: Duldung, Alltag, Überleben
Der Anfang war hart. Duldungsvisum. Alle 30 Tage verlängert. Ein fremdes Land, fremde Menschen, eine andere Sprache. Für viele ist das eine unüberwindbare Hürde. Für Budo war es zweitrangig.
„Das war mir egal“, sagt er. „Ich wollte nicht sterben. Ich wollte sicher sein und mir meine Zukunft selbst gestalten.“
Ein Satz, der viel erklärt. Viele Bosnier in Deutschland teilen genau diese Erfahrung. Laut Statistischem Bundesamt leben heute über 200.000 Menschen mit bosnisch-herzegowinischer Staatsangehörigkeit in Deutschland. Zählt man die Eingebürgerten hinzu, sind es deutlich mehr. Ein großer Teil kam in den 1990er-Jahren als Kriegsflüchtlinge. Viele mit nichts außer Hoffnung und Durchhaltewillen.
Budo hat es geschafft. Seit Jahrzehnten ist er in der Automobilindustrie tätig. Er war an verschiedenen Orten, aber ab 1998 kam er endgültig nach Karlsruhe.
Warum Karlsruhe? Ein neuer Anfang mit Struktur
„Warum Karlsruhe?“, frage ich.
„Ich hatte hier Verwandte“, sagt er. „Das macht die Sache etwas angenehmer.“
So einfach und so wahr. Netzwerke sind oft entscheidend. Familie, Bekannte, jemand, der den ersten Weg zeigt. Budo blieb zunächst zwei Monate. In dieser Zeit fand er einen Job und suchte sich sofort eine Wohnung.
„Was war dein erster Job?“
„Reifen Karle. Am Entenfang. In der Werkstatt.“
September 1991. Das war der Beginn. Keine große Bühne, keine Abkürzungen. Werkstatt, Arbeit, Hände schmutzig machen. Autos sind Budo bis heute treu geblieben.
Vom Werkstattboden zum Unternehmer
Seit vielen Jahrzehnten verkauft Budo hochwertige Luxusfahrzeuge. Er hat sich in der Branche Respekt und Anerkennung verdient. Nicht durch Lautstärke, sondern durch Kompetenz. Ein Profi, ein Experte.
Der Weg dahin war kein Selbstläufer. Wer die deutsche Automobilbranche kennt, weiß, wie anspruchsvoll sie ist. Leistungsdruck, Vertrauen, Reputation. Laut Zahlen des Verbands der Automobilindustrie ist die Branche einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Deutschlands, mit über 800.000 Beschäftigten. Sich dort als Migrant, als Geflüchteter, langfristig zu etablieren, ist keine Selbstverständlichkeit.
Budo hat gekämpft. Sich durchgebissen. Und es allen gezeigt. Der Entschluss, Bosnien zu verlassen, tat weh. Aber er war richtig.
Zwischenfazit
Geschichten wie diese zeigen, warum wir auf bosnien.pro über besondere Menschen aus Bosnien schreiben. Nicht, weil sie perfekt sind. Sondern weil sie echt sind.
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| Budo im Büro seiner Firma. Stil war für ihn nie Fassade, sondern Teil seiner Haltung. |
Rückkehr in die Heimat: Ein Besuch nach dem Krieg
„Wann warst du das erste Mal wieder in deiner Heimat?“, frage ich.
„1995. Am Ende des Krieges.“
Ich hake nach. Gab es Probleme?
„Man zählt als Kriegsverweigerer“, sagt Budo. „Und hat dort nicht mehr viel zu melden. Aber wenn du dich nicht exponierst, lässt man dich in Ruhe.“
Viele Bosnier kennen dieses Gefühl. Die Rückkehr ist nie einfach. Die Heimat ist dieselbe und doch eine andere. Menschen fehlen. Orte haben sich verändert. Und man selbst ist nicht mehr der, der man einmal war.
Stil, Präsenz und Identität
Was Budo immer ausgezeichnet hat, war nicht nur sein beruflicher Erfolg. Es war seine Präsenz. Stil war für ihn nie Verkleidung, sondern Ausdruck. Vielleicht auch eine Form der Selbstbehauptung. Wer flieht, verliert viel. Herkunft, Sicherheit, oft auch Status. Stil kann dann etwas sein, das bleibt.
Ich erinnere mich an die Zeit in meinen Läden. Wie selbstverständlich er einen Anzug trug. Nicht geschniegelt, nicht geschniegelt geschniegelt. Sondern locker. Natürlich. Als würde das Kleidungsstück ihm folgen, nicht umgekehrt.
Heute trägt er Anzug und Verantwortung. Beides mit derselben Selbstverständlichkeit.
Ein Schlusswort mit Haltung
„Budo“, sage ich am Ende unseres Gesprächs. „Es war toll. Magst du ein Schlusswort geben?“
Er lächelt und sagt:
„Der schönste Kontinent auf der Erde ist Europa. Das schönste sozial-sicherste Land in Europa ist Deutschland. Der schönste Teil in Deutschland ist Baden-Württemberg. Die schönste Stadt in Baden-Württemberg ist Karlsruhe. Die schönsten Ecken in Karlsruhe sind die Bergdörfer, also auch Grünwettersbach. Also alles richtig gemacht.“
Man muss nicht allem zustimmen. Aber man spürt die Dankbarkeit. Und den Frieden mit den eigenen Entscheidungen.
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| Budo im Restaurant, umgeben von seiner Familie. Angekommen. |
FAQ: Häufige Fragen zu besonderen Menschen aus Bosnien
Was meint ihr mit „besondere Menschen aus Bosnien“?
Wir meinen keine Prominenten im klassischen Sinn. Sondern Menschen mit außergewöhnlichen Lebenswegen, Haltung und Charakter. Oft leise, aber wirkungsvoll.
Warum sind viele Bosnier in den 1990er-Jahren nach Deutschland gekommen?
Aufgrund des Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 flohen hunderttausende Menschen. Deutschland nahm einen großen Teil dieser Geflüchteten auf.
Wie schwer war der berufliche Einstieg für bosnische Geflüchtete?
Sehr schwer. Sprachbarrieren, unsicherer Aufenthaltsstatus und fehlende Anerkennung von Abschlüssen waren große Hürden. Viele begannen in einfachen Jobs.
Warum spielt Karlsruhe in vielen Biografien eine Rolle?
Karlsruhe und Baden-Württemberg boten früh Arbeitsmöglichkeiten, insbesondere in Industrie und Handwerk. Zudem entstanden dort starke bosnische Communities.
Wird es weitere Porträts auf bosnien.pro geben?
Ja. In unregelmäßigen Abständen erzählen wir weitere Geschichten von Bosniern, die als Botschafter unterwegs sind. Still, aber nachhaltig.
Fazit: Warum diese Geschichten wichtig sind
Die Geschichte von Budo ist keine Ausnahme. Aber sie ist exemplarisch. Sie zeigt, was möglich ist, wenn Mut, Arbeit und Haltung zusammenkommen. Besondere Menschen aus Bosnien haben dieses Land mit aufgebaut, oft ohne große Bühne.
Für mich persönlich sind diese Gespräche eine Erinnerung. An Verantwortung, an Dankbarkeit und an die Kraft von Entscheidungen. Wer genauer hinschaut, findet überall solche Geschichten. Man muss nur zuhören.
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Besondere Menschen aus Bosnien: Die bewegende Geschichte von Budo, Flucht, Ankommen in Deutschland und Erfolg als Unternehmer in Karlsruhe.
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Besondere Menschen aus Bosnien, Bosnier in Deutschland, Fluchtgeschichten, Karlsruhe, Migration, Unternehmertum, Bosnienkrieg, Lebenswege
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