Warum wurde aus Bosanski Novi Grad einfach Novi Grad? Politische Hintergründe, Geschichte und Stimmen aus Bosnien
Warum wurde aus Bosanski Novi Grad einfach Novi Grad? Politische Hintergründe, Geschichte und Stimmen aus Bosnien
Einleitung & Hintergrund
Warum wurde aus Bosanski Novi Grad einfach Novi Grad? Diese Frage taucht immer wieder auf, besonders bei Menschen mit familiären Wurzeln in Bosnien, bei politisch Interessierten oder bei denen, die sich mit der Nachkriegsgeschichte des Landes beschäftigen. Ich selber habe davon nichts gewusst, bis mich Bosniaker die jetzt in Deutschland leben davon erzählt haben.
Der Namenswechsel wirkt auf den ersten Blick banal. In Wirklichkeit steckt dahinter ein komplexes Geflecht aus Krieg, Nationalismus, politischer Macht und Identitätsfragen.
Bosanski Novi Grad liegt im Nordwesten von Bosnien und Herzegowina, direkt an der Grenze zu Kroatien. Die Stadt existiert seit dem 13. Jahrhundert und trug über lange Zeit verschiedene Namen. Der Zusatz „Bosanski“ hatte dabei eine klare Funktion: Abgrenzung zu anderen Städten mit dem Namen Novi Grad im ehemaligen Jugoslawien und Betonung der regionalen Zugehörigkeit zu Bosnien. Klingt einleuchtend und logisch.
Dass dieser Zusatz nach dem Bosnienkrieg verschwand, ist kein Zufall. Der Namenswechsel ist politisch, symbolisch und bis heute umstritten.
Historischer Kontext: Von Bosanski Novi Grad zu Novi Grad
Die Bedeutung des Namens „Bosanski“
Der Name Bosanski Novi Grad bedeutet übersetzt „Bosnische Neustadt“. In der Zeit Jugoslawiens war das üblich. Viele Orte trugen regionale Zusätze wie Bosanski, Hrvatski oder Srpski, um Mehrdeutigkeiten zu vermeiden und geografische Zugehörigkeit klar zu benennen.
Vor 1992 lebten in Bosanski Novi Grad vor allem Bosniaken, Serben und Kroaten. Laut Volkszählung von 1991 setzte sich die Bevölkerung ungefähr so zusammen:
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ca. 40 % Bosniaken
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ca. 36 % Serben
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ca. 20 % Kroaten
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Rest andere Gruppen
Die Stadt war ethnisch gemischt, wie viele Orte in Bosnien.
Der Bruch durch den Krieg
Mit Beginn des Bosnienkriegs 1992 änderte sich alles. Bosanski Novi Grad wurde früh von serbischen Einheiten eingenommen. Ein Großteil der bosniakischen und kroatischen Bevölkerung wurde vertrieben oder floh. Nach dem Krieg lag die Stadt im Gebiet der Republika Srpska, einer der beiden Entitäten von Bosnien und Herzegowina.
1994 beschloss die lokale Verwaltung, den offiziellen Namen von Bosanski Novi Grad in Novi Grad zu ändern. Der Zusatz „Bosanski“ verschwand aus amtlichen Dokumenten, Straßenschildern und Institutionen.
Politische Hintergründe des Namenswechsels
Symbolpolitik statt Verwaltungsakt
Der Namenswechsel war kein neutraler Verwaltungsakt. Er war Teil einer breiteren Strategie, die nach dem Krieg in vielen Orten der Republika Srpska zu beobachten war. Ortsnamen mit bosnischen oder multikulturellen Bezügen wurden geändert oder verkürzt.
Das Ziel war klar:
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Betonung einer serbischen Identität
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Distanzierung vom Begriff „bosnisch“, der oft mit dem bosniakischen Volk gleichgesetzt wurde
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Nachträgliche Legitimation der neuen Machtverhältnisse
Ähnliche Entwicklungen gab es auch in anderen Städten, etwa bei Srpsko Sarajevo (heute Istočno Sarajevo) oder Kozarska Dubica (früher Bosanska Dubica).
Rechtlicher Rahmen
Nach dem Dayton-Abkommen von 1995 erhielten die Entitäten weitgehende Kompetenzen, auch bei kommunalen Fragen. Die Umbenennung blieb daher rechtlich bestehen, obwohl sie politisch umstritten war.
Interessant ist: Auf staatlicher Ebene taucht der Name Bosanski Novi Grad weiterhin in historischen, statistischen und kulturellen Kontexten auf. International ist der alte Name nach wie vor geläufig.
Zahlen & Fakten: Demografie und Realität heute
Ein Blick auf aktuelle Daten hilft, die Situation besser einzuordnen.
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Laut Volkszählung 2013 hat Novi Grad rund 25.000 Einwohner
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Über 85 % der Bevölkerung sind heute serbisch
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Der Anteil der Bosniaken liegt bei unter 10 %
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Wirtschaftlich zählt die Region zu den schwächeren in Bosnien
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Die Arbeitslosenquote liegt deutlich über dem EU-Durchschnitt
Viele Rückkehrer, die nach dem Krieg in ihre Heimat zurückkamen, sprechen weiterhin bewusst von Bosanski Novi Grad. Für sie ist der Name Teil ihrer Biografie.
Bekenntnis zur eigenen Geschichte seines Volkes
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| Zwei Bilder im Hintergrund mit einer klaren Botschaft. Links: I was a refugee. Rechts: Mahnen und erinnern an Srebenica. |
Was sagen die Menschen in Bosnien dazu?
Unterschiedliche Perspektiven je nach Herkunft
Die Wahrnehmung des Namens ist stark davon abhängig, wen man fragt.
Bosniakische Stimmen:
Für viele Bosniaken ist das Weglassen von „Bosanski“ ein Symbol für Ausgrenzung und Geschichtsverdrängung. Der alte Name steht für ein multikulturelles Zusammenleben, das gewaltsam zerstört wurde.
Serbische Stimmen:
Viele Serben sehen den Namen Novi Grad als neutral und pragmatisch. Für sie ist „Bosanski“ politisch aufgeladen oder überflüssig. Manche argumentieren auch, dass der heutige Name die aktuelle Realität widerspiegelt.
Jüngere Generation:
Jüngere Menschen, besonders diejenigen, die nach dem Krieg geboren wurden, empfinden die Debatte oft als fern. Im Alltag sagen sie Novi Grad, ohne viel darüber nachzudenken.
Alltagssituationen
Typisch ist etwa folgende Situation:
Bei Gesprächen mit Verwandten im Ausland wird bewusst „Bosanski Novi Grad“ gesagt. Im lokalen Alltag, bei Behörden oder auf Schildern, steht nur „Novi Grad“. Der Name wechselt je nach Kontext.
Vergleich: Namensänderungen als Muster in Bosnien
Bosanski Novi Grad ist kein Einzelfall. Der Umgang mit Ortsnamen zeigt ein wiederkehrendes Muster:
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Namen werden politisch interpretiert
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Geschichte wird selektiv erinnert
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Sprache dient als Identitätsmarker
Ein ähnliches Spannungsfeld zeigt sich auch bei Städten wie Mostar, Srebrenica oder Prijedor, auch wenn dort keine formale Umbenennung stattfand.
Ein vertiefender Artikel dazu findet sich etwa unter:
Interner Link: „Wie Ortsnamen in Bosnien politische Identität widerspiegeln“
Persönliche Einschätzung
Der Namenswechsel von Bosanski Novi Grad zu Novi Grad wirkt auf den ersten Blick klein. In Wirklichkeit berührt er grundlegende Fragen: Wem gehört Geschichte? Wer bestimmt Erinnerung?
Aus meiner Sicht zeigt sich hier ein typisches Nachkriegssymptom. Namen werden nicht geändert, um Orientierung zu schaffen, sondern um Deutungshoheit zu gewinnen. Dass der alte Name bis heute in Gesprächen, Erinnerungen und Diaspora-Communities weiterlebt, zeigt, dass Identität sich nicht per Beschluss löschen lässt.
FAQ: Häufige Fragen zu Bosanski Novi Grad
Warum heißt die Stadt heute offiziell Novi Grad?
Weil die lokale Verwaltung in der Republika Srpska den Namen während des Krieges geändert hat und dieser Beschluss rechtlich bestehen blieb.
Ist der Name Bosanski Novi Grad verboten?
Nein. Er ist nicht verboten, wird aber offiziell nicht verwendet. Inoffiziell und historisch bleibt er präsent.
Gibt es Bestrebungen, den alten Namen wieder einzuführen?
Vereinzelt ja, vor allem aus zivilgesellschaftlichen Kreisen. Politisch haben diese Forderungen derzeit wenig Aussicht auf Erfolg.
Wie wird der Name international verwendet?
In internationalen Medien, historischen Texten und bei der bosnischen Diaspora ist Bosanski Novi Grad weiterhin gebräuchlich.
Hat der Namenswechsel Auswirkungen auf den Alltag?
Im direkten Alltag kaum. Symbolisch und emotional ist er jedoch für viele Menschen sehr bedeutend.
Fazit
Die Frage, warum aus Bosanski Novi Grad einfach Novi Grad wurde, führt mitten hinein in die politische und gesellschaftliche Realität Bosniens. Der Namenswechsel ist Ausdruck von Machtverhältnissen, Identitätskonflikten und ungelöster Vergangenheit.
Für Außenstehende mag es nur ein fehlendes Wort sein. Für viele Betroffene steht es für Verlust, Erinnerung und die Frage, wie Geschichte erzählt wird. Solange diese Fragen offen bleiben, wird auch der alte Name nicht verschwinden.
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Warum wurde aus Bosanski Novi Grad Novi Grad? Politische Hintergründe, Geschichte, Zahlen und Stimmen aus Bosnien verständlich erklärt.
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Bosanski Novi Grad, Novi Grad, Bosnien Politik, Republika Srpska, Ortsnamen Bosnien, Bosnienkrieg, Identität Bosnien
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