Bosnien und Kroatien: Nachbarn zwischen alter Grenze und gemeinsamer Zukunft

Bosnien und Kroatien: Nachbarn zwischen alter Grenze und gemeinsamer Zukunft

Warum das Verhältnis zwischen Sarajevo und Zagreb bis heute von Geschichte, Grenzfragen und geteilten Interessen geprägt ist.

Wer von Split nach Mostar oder von Zagreb nach Sarajevo fährt, merkt schnell: Die Grenze zwischen Kroatien und Bosnien und Herzegowina ist keine gewöhnliche EU-Außengrenze. Sie verläuft mitten durch eine Region, deren Geschichte, Familien und Wirtschaft seit Jahrhunderten eng miteinander verflochten sind – und die sich zugleich, gerade seit den 1990er-Jahren, immer wieder an dieser Grenze gerieben hat. Bei meinem Besuch in Sarajevo und im Austausch mit bosnischen Freunden ist mir dieses Nebeneinander von Nähe und Distanz besonders deutlich geworden. Dieser Artikel ordnet ein, worauf das bosnisch-kroatische Verhältnis heute beruht – historisch, politisch und ganz praktisch für alle, die zwischen beiden Ländern unterwegs sind.

Drei Männer sitzen mit Blick auf Mostar
Drei Männer sitzen mit Blick auf Mostar
   

Kurz beantwortet: Bosnien und Kroatien sind historisch, familiär und wirtschaftlich eng verflochten, das Verhältnis bleibt aber durch den Bosnienkrieg (1992–1995) belastet. Kroatien ist EU- und NATO-Mitglied, unterstützt den EU-Beitritt Bosniens und vergibt seit den 1990er-Jahren die Staatsbürgerschaft an bosnische Kroaten. Offene Streitpunkte sind vor allem das Wahlrecht der kroatischen Volksgruppe in Bosnien und die politische Dauerkrise um die Republika Srpska.

Stand: Juli 2026

Inhaltsübersicht

Geteilte Geschichte, geteiltes Trauma

Kroaten leben seit Jahrhunderten in Bosnien und Herzegowina, vor allem in der Herzegowina, im mittleren Bosnien und entlang der Save. Zu jugoslawischer Zeit war die Grenze zwischen den Teilrepubliken Kroatien und Bosnien-Herzegowina eine reine Verwaltungsgrenze, die Familien, Handel und Alltag kaum trennte. Das änderte sich mit dem Zerfall Jugoslawiens grundlegend.

Zu Beginn des Bosnienkriegs 1992 kämpften bosnische Kroaten und Bosniaken zunächst gemeinsam gegen die bosnisch-serbischen Truppen. Im Verlauf des Krieges kam es jedoch zum offenen Konflikt zwischen beiden Gruppen um die künftige Staatsordnung: 1992 riefen kroatisch-nationalistische Kräfte in der Herzegowina die selbsternannte Gemeinschaft „Herceg-Bosna" aus, die sich langfristig an Kroatien orientieren sollte. Es folgten schwere Kämpfe, unter anderem um Mostar, dessen historische Altstadtbrücke 1993 zerstört wurde – ein bis heute vielzitiertes Symbol für die Zerstörung des Zusammenlebens in der Stadt.

Diese Kriegsjahre wirken bis heute nach, nicht zuletzt durch Verurteilungen vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien, die sowohl serbische als auch kroatische und bosniakische Verantwortliche betrafen. Die Aufarbeitung dieser Geschichte bleibt in beiden Ländern ein sensibles Thema, das je nach politischer Perspektive unterschiedlich bewertet wird.

Bosnien und Kroatien im Vergleich
KriteriumKroatienBosnien und Herzegowina
EU-StatusMitglied seit 2013Beitrittskandidat, Verhandlungen laufen
WährungEuroKonvertible Mark (BAM)
Anteil ethnischer Kroatenrund 15 % der Bevölkerung
Wichtigste VerbindungAdriahafen PločeMeerzugang über Kroatien

Dayton, die kroatische Volksgruppe und die doppelte Staatsbürgerschaft

Das Dayton-Friedensabkommen von 1995 beendete den Krieg und schuf die heutige Struktur Bosnien und Herzegowinas: einen Gesamtstaat mit zwei Entitäten, der Föderation Bosnien und Herzegowina sowie der Republika Srpska, dazu drei staatstragende Völker – Bosniaken, Serben und Kroaten. Kroaten sind damit staatsrechtlich eines der drei konstitutiven Völker des Landes, stellen aber mit rund 15 Prozent der Bevölkerung die kleinste der drei Gruppen.

Ein besonderes Element der Nachkriegsordnung ist die doppelte Staatsbürgerschaft: Kroatien vergibt seit den 1990er-Jahren großzügig die kroatische Staatsbürgerschaft an bosnische Kroaten, sodass praktisch alle von ihnen heute sowohl bosnische als auch kroatische Papiere besitzen. Mit dem EU-Beitritt Kroatiens 2013 wurden sie damit zugleich EU-Bürger – ein Status, den viele bosnische Kroaten aktiv nutzen, etwa für Arbeit oder Studium in der EU. Zugleich verleiht diese Praxis Kroatien einen dauerhaften, in Dayton ausdrücklich vorgesehenen Einfluss auf die Innenpolitik Bosniens, unabhängig von der Zentralregierung in Sarajevo.

Die Beziehungen heute: Wirtschaft, Infrastruktur, EU-Kurs

Trotz der historischen Belastungen ist das Verhältnis zwischen beiden Staaten heute in weiten Teilen von praktischer Zusammenarbeit geprägt. Drei Bereiche stechen besonders hervor:

Grenzinfrastruktur im Umbau

Die gemeinsame Grenze ist seit Kroatiens EU-Beitritt zugleich EU-Außengrenze und damit strategisch wie logistisch bedeutsam. Nach einem Brückeneinsturz am Übergang Gradiška/Stara Gradiška im Frühjahr 2026 brachte Kroatien einen neuen Vertragsentwurf zur Neuordnung der Grenzübergänge auf den Weg, der Warteschlangen abbauen und den Verkehr auf den europäischen Korridoren verbessern soll. Auch die neue Brücke bei Svilaj gewinnt dabei als Hauptroute für Transit- und Wirtschaftsverkehr an Bedeutung.

Bahn- und Hafenanbindung

Im April 2026 unterzeichneten bosnische und kroatische Bahn- und Hafenbetreiber eine Vereinbarung zum Ausbau des Eisenbahnkorridors zwischen dem kroatischen Adriahafen Ploče und Mitteleuropa. Für Bosnien und Herzegowina, das keinen eigenen Meerzugang besitzt, ist der Hafen Ploče seit jeher das wichtigste Tor zu den Weltmärkten – ein Beispiel dafür, wie eng beide Volkswirtschaften infrastrukturell verflochten bleiben.

EU-Integration

Kroatien positioniert sich außenpolitisch konsequent als Fürsprecher der EU-Annäherung Bosniens und unterstützt dessen Beitrittsprozess. Für Zagreb ist ein stabiles, europäisch orientiertes Bosnien auch aus eigenem Sicherheitsinteresse wichtig, da Instabilität im Nachbarland unmittelbare Auswirkungen auf Kroatien hätte.

Offene Fragen und politische Spannungen

Neben der praktischen Zusammenarbeit bestehen weiterhin ungelöste Fragen, die das Verhältnis periodisch belasten:

Warum streiten Bosnien und Kroatien über das Wahlrecht?

Ein wiederkehrender Streitpunkt ist die politische Vertretung der Kroaten innerhalb Bosniens. Kroatische Parteien, allen voran die HDZ Bosnien und Herzegowinas, fordern seit Jahren eine Wahlrechtsreform, die sicherstellen soll, dass Vertreter der kroatischen Volksgruppe tatsächlich von kroatischen Wählern und nicht von einer bosniakischen Mehrheit in gemischten Wahlkreisen bestimmt werden. Befürworter sehen darin einen notwendigen Schutz der verfassungsmäßig verankerten Gleichberechtigung aller drei Völker. Kritiker – darunter auch bosniakische Parteien und internationale Beobachter – warnen dagegen vor einer weiteren ethnischen Fragmentierung des ohnehin komplexen politischen Systems und einer Schwächung der bürgerlichen, nicht-ethnischen Repräsentation.

Welche Rolle spielt die Krise um die Republika Srpska?

Indirekt beeinflusst auch die anhaltende politische Krise um die Republika Srpska das bosnisch-kroatische Verhältnis. Nachdem der frühere RS-Präsident Milorad Dodik nach einer strafrechtlichen Verurteilung wegen separatistischer Aktivitäten sein Amt verloren hatte, setzte sich bei den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen im November 2025 mit Siniša Karan ein enger Vertrauter Dodiks durch, der die konfrontative Haltung der RS gegenüber der Zentralregierung fortführt. Diese Dauerkrise erschwert auch grundsätzliche Reformen, an denen Kroatien als Nachbarstaat und EU-Mitglied ein direktes Interesse hat, etwa bei der Verfassungsreform oder der Benennung eines neuen Hohen Repräsentanten – auf die sich der internationale Lenkungsausschuss zur Umsetzung des Dayton-Abkommens zuletzt im Juni 2026 nicht einigen konnte.

Was das für Reisende bedeutet


Sarajevo Treffpunkt der Kulturen


Für Reisende zeigt sich die enge, aber komplizierte Nachbarschaft ganz praktisch an der Küste: Der bosnische Küstenort Neum unterbricht auf rund 20 Kilometern das kroatische Staatsgebiet und trennt Süddalmatien vom übrigen Kroatien. Wer von Split oder Dubrovnik aus mit dem Auto unterwegs ist, passiert deshalb zweimal die Grenze – einmal nach Bosnien hinein, kurz darauf wieder zurück nach Kroatien. Die 2022 eröffnete Pelješac-Brücke hat diese Umwege für den kroatischen Nord-Süd-Verkehr zwar deutlich reduziert, an der eigentlichen Grenzsituation ändert sie aber nichts.

Praktisch bedeutet das: Reisezeiten an den Grenzübergängen einplanen, besonders zur Hauptsaison im Sommer, und gültige Reisedokumente bereithalten, da an der EU-Außengrenze systematisch kontrolliert wird. Wer beide Länder in einer Reise verbinden möchte – etwa Dubrovnik, Mostar und Sarajevo –, sollte diese Grenzübertritte fest in die Routenplanung einrechnen.

Häufig gestellte Fragen

Warum haben so viele bosnische Kroaten einen kroatischen Pass?

Kroatien vergibt seit den 1990er-Jahren die Staatsbürgerschaft an ethnische Kroaten in Bosnien und Herzegowina, eine Praxis, die auch im Dayton-Abkommen berücksichtigt wurde. Mit Kroatiens EU-Beitritt 2013 wurden diese Doppelstaatler automatisch auch EU-Bürger.

Ist die Grenze zwischen Kroatien und Bosnien eine EU-Außengrenze?

Ja. Seit Kroatiens EU-Beitritt 2013 bildet die gemeinsame Grenze die EU-Außengrenze, an der entsprechend intensiver kontrolliert wird als an Binnengrenzen des Schengen-Raums.

Warum liegt Neum zwischen zwei Teilen Kroatiens?

Neum ist der einzige Meerzugang Bosnien und Herzegowinas und geht auf historische Grenzziehungen zurück, die bis in die osmanische und österreich-ungarische Zeit reichen. Der schmale Küstenstreifen trennt das kroatische Festland optisch in zwei Teile, auch wenn beide Landesteile über das Hinterland verbunden bleiben.

Unterstützt Kroatien den EU-Beitritt Bosniens?

Ja, Kroatien gehört zu den konsequentesten Fürsprechern der EU-Annäherung Bosnien und Herzegowinas innerhalb der Europäischen Union.


Mehr zu Land und Leuten findest du auch in unseren weiteren Artikeln auf bosnien.pro,und auf kroatien.pro  etwa zu Sarajevo abseits der Touristenpfade oder zur Geschichte der Stari-Most-Brücke in Mostar.

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