Baščaršija: Sarajevos osmanisches Herz

Baščaršija: Sarajevos osmanisches Herz

Die Baščaršija ist das osmanische Altstadtviertel, das Sarajevo-Bild, das auf allen Fotos auftaucht. Der Sebilj-Brunnen in der Mitte, die engen Gassen mit Kupferschmieden, Teppichhändlern und Kaffeehäusern. Tagsüber ist es touristisch. Morgens gehört es noch den Einheimischen.

Ich war selbst dort, weil Goran, ein guter Freund aus Karlsruhe, in seine bosnische Heimat zu seinem 50. Geburtstag eingeladen hatte – 30 Freunde aus halb Europa waren dabei. Kaum aus dem Flieger, ging es direkt in die Baščaršija, mitten hinein ins pulsierende Leben der Stadt. Genau diesen ersten Eindruck will ich hier weitergeben.

Inhaltsverzeichnis

Steckbrief: Baščaršija

LageNördlich der Miljacka, Stadtgemeinde Stari Grad, Sarajevo
Gegründet15. Jahrhundert, unter Isa-Beg Ishaković
Name bedeutet"Hauptbasar" (türkisch baš = Haupt, čaršija = Basar/Markt)
Wichtige BauwerkeSebilj-Brunnen, Gazi-Husrev-Beg-Moschee, Sahat-Kula (Uhrturm), Brusa Bezistan
Beste BesuchszeitFrüh morgens, vor neun Uhr

Geschichte

Die Baščaršija entstand im 15. Jahrhundert, als der osmanische Statthalter Isa-Beg Ishaković die Stadt Sarajevo unterhalb der Siedlung Vratnik gründete und dort einen Basar samt Moschee anlegen ließ. Der Name selbst stammt aus dem Türkischen: "baš" bedeutet so viel wie Haupt oder primär, "čaršija" ist das türkische Wort für Basar. Offiziell bezeichnet Baščaršija nur den zentralen Platz des Viertels, umgangssprachlich steht der Name aber für das gesamte osmanische Marktviertel.

Unter Gazi Husrev-beg, der Sarajevo im frühen 16. Jahrhundert entscheidend prägte, wuchs das Viertel weiter: Moscheen, Karawansereien, Hamams und Handwerksgassen entstanden, dazu Sarajevos erste Wasserleitung. Über die Jahrhunderte blieb die Baščaršija Handels- und Handwerkszentrum der Stadt, bis heute erkennt man das an den nach Zünften benannten Gassen – Kazandžiluk etwa, die Gasse der Kupferschmiede, in der noch heute gehämmert wird.

Der Sebilj-Brunnen und die Gassen ringsum

In der Mitte der Baščaršija steht der Sebilj, ein für Sarajevo charakteristischer öffentlicher Holzbrunnen. Um ihn herum verzweigen sich die Gassen des Viertels: Kupferschmiede, die Teller und Kaffeekannen von Hand treiben, Teppichhändler, kleine Werkstätten und dazwischen ein Kaffeehaus nach dem anderen. Der Duft von Wasserpfeife und geröstetem Kaffee liegt hier fast durchgehend in der Luft.

Tagsüber ist die Baščaršija die meistbesuchte Attraktion Sarajevos, entsprechend voll sind die Gassen um den Sebilj. Wer das Viertel ohne Gedränge erleben will, sollte seinen Besuch entsprechend timen.

Ćevapi, Kupferschmiede und ein Bier für zwei Euro

An unserem ersten Abend führte uns der Weg direkt vom Flughafen in die Baščaršija. Enge Gassen, der Duft von Ćevapi – den kleinen gegrillten Fleischröllchen, die in Sarajevo so ziemlich jeder isst – und dazwischen kleine Bars, in denen ein Bier noch für umgerechnet zwei Euro zu haben ist. Genau diese Mischung aus Handwerk, Essen und Geselligkeit macht das Viertel aus, bevor es später am Abend in eines der Restaurants außerhalb der Altstadt weiterging.

Mein Tipp: Komm vor neun Uhr

Komm vor neun Uhr. Setz dich in eines der kleinen Kaffeehäuser, bestell einen bosnischen Kaffee – er kommt in einer Džezva, wird separat aufgegossen, dazu gibt es ein Stück Loukoum – und schau einfach zu. Die Baščaršija erzählt in diesen frühen Stunden mehr über Sarajevo als jede Führung. Bei uns war es sogar der letzte Programmpunkt der ganzen Reise: Bevor es zurück nach Karlsruhe ging, saßen wir noch einmal genau hier, Kaffee in Kupferkännchen, ein Stück Lokum dazu – ein ruhiger Abschluss nach vier Tagen Party für Goran.

Was viele übersehen: die Gazi-Husrev-Beg-Moschee

Direkt hinter der Baščaršija liegt die Gazi-Husrev-Beg-Moschee aus dem 16. Jahrhundert – eine der bedeutendsten osmanischen Moscheen auf dem Balkan. Sie wurde 1530/31 im Auftrag von Gazi Husrev-beg errichtet und ist mit ihrem 47 Meter hohen Minarett bis heute die größte historische Moschee des Landes. Der Eintritt ist frei, Schultern und Knie müssen bedeckt sein. Es lohnt sich.

Besichtigen kannst du außerhalb der Gebetszeiten, an denen die Moschee für Touristen geschlossen bleibt – üblich sind mehrere Zeitfenster über den Tag verteilt, in den Sommermonaten meist vormittags sowie am Nachmittag und frühen Abend. Für Frauen gibt es einen separaten Eingang, ein Kopftuch wird gestellt, falls du keins dabeihast. Da sich die genauen Zeiten je nach Jahreszeit und Gebetsplan verschieben, lohnt sich ein kurzer Blick vor Ort oder in deiner Unterkunft, bevor du extra dafür losläufst.

Der Uhrturm und die Seidenhalle: zwei weitere Zeitzeugen

Direkt neben der Gazi-Husrev-Beg-Moschee steht die Sahat-Kula, Sarajevos Uhrturm aus dem 17. Jahrhundert und mit rund 30 Metern der höchste seiner Art auf dem gesamten Balkan. Das Besondere: Die Uhr zeigt nicht die gewöhnliche Zeit, sondern läuft nach dem Hijri-Mondkalender – bei Sonnenuntergang ist es hier immer exakt zwölf Uhr, weshalb sie täglich von Hand nachgestellt werden muss. Diese Aufgabe übernimmt seit Generationen dieselbe Familie.

Nur wenige Schritte weiter liegt der Brusa Bezistan, eine überdachte Markthalle mit sechs Kuppeln aus dem Jahr 1551. Errichtet wurde sie vom osmanischen Großwesir Rustem Pascha, gehandelt wurde hier ursprünglich mit Seide aus Bursa – daher der Name. Heute ist die Halle Teil des Stadtmuseums Sarajevo und zeigt archäologische Funde von der Urzeit bis zur österreich-ungarischen Zeit, darunter ein Modell des osmanischen Sarajevos. Für einen kurzen, unaufgeregten Gegenpol zum Trubel der Gassen draußen ist das ein guter Zwischenstopp.

Die Lateinerbrücke: fünf Gehminuten mit Weltgeschichte

Vom Rand der Baščaršija sind es nur wenige Gehminuten bis zur Lateinerbrücke, einer osmanischen Steinbogenbrücke über die Miljacka. Sie zählt zu den ältesten erhaltenen Brücken Sarajevos: Schon 1541 ist an dieser Stelle eine hölzerne Vorgängerbrücke belegt, die heutige Steinbrücke stammt in ihrer aktuellen Form aus dem Jahr 1799.

Bekannt ist sie vor allem als Schauplatz des Attentats vom 28. Juni 1914, bei dem Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie am Nordende der Brücke erschossen wurden – der Auslöser des Ersten Weltkriegs. Zu jugoslawischer Zeit hieß die Brücke zeitweise Principbrücke, nach dem Attentäter Gavrilo Princip; seit 1992 trägt sie wieder ihren ursprünglichen Namen. Eine Gedenktafel an der Stelle erinnert bis heute daran. Wer die Baščaršija besucht, kann diesen Abstecher ohne Umweg mitnehmen – historisch ist er ein spannender Kontrast zum osmanischen Basartrubel nur einen Steinwurf entfernt.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet der Name Baščaršija?

Der Name stammt aus dem Türkischen: "baš" bedeutet Haupt oder primär, "čaršija" bedeutet Basar oder Markt. Baščaršija heißt also so viel wie Hauptbasar.

Wann wurde die Baščaršija gegründet?

Im 15. Jahrhundert, als der osmanische Statthalter Isa-Beg Ishaković die Stadt Sarajevo gründete und das Viertel als Basar- und Handwerkszentrum anlegen ließ.

Wann sollte ich die Baščaršija besuchen?

Am besten früh morgens, vor neun Uhr. Dann gehört das Viertel noch den Einheimischen, tagsüber ist es deutlich touristischer.

Ist der Eintritt zur Gazi-Husrev-Beg-Moschee kostenlos?

Ja. Beim Besuch müssen Schultern und Knie bedeckt sein.

Was ist ein bosnischer Kaffee?

Er wird in einer Džezva zubereitet und separat aufgegossen, serviert wird er traditionell mit einem Stück Loukoum. In den Kaffeehäusern der Baščaršija gehört er zum festen Ritual.

Was ist das Besondere an der Sahat-Kula?

Der Uhrturm neben der Gazi-Husrev-Beg-Moschee zeigt die Zeit nach dem Hijri-Mondkalender an, nicht nach der üblichen Uhrzeit. Bei Sonnenuntergang steht die Uhr immer auf zwölf, deshalb wird sie täglich von Hand nachgestellt.

Was kann ich im Brusa Bezistan sehen?

Die ehemalige Seidenhalle aus dem Jahr 1551 beherbergt heute einen Teil des Stadtmuseums Sarajevo mit archäologischen Funden von der Urzeit bis zur österreichisch-ungarischen Zeit, darunter ein Modell des osmanischen Sarajevos.

Was ist an der Lateinerbrücke passiert?

Am 28. Juni 1914 wurden Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie am Nordende der Brücke erschossen – das Attentat, das als Auslöser des Ersten Weltkriegs gilt. Die Brücke selbst ist deutlich älter und stammt in ihrer heutigen Form aus dem Jahr 1799.


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